Alarmjournalismus

Es ist wieder einer dieser Aufreger. Auf Spiegel Online berichet Nicolai Kwasniewski unter dem Titel „Lebensmittelkonzerne übernehmen Methoden der Tabaklobby“ heute über „harte Vorwürfe“, die eine Studie der Lebensmittelindustrie mache: Internationale Lebensmittelkonzerne untergrüben „systematisch die Gesundheitspolitik“, ganz so, wie es die Tabakindustrie früher getan habe.

Ein Riesenskandal, könnte man meinen, würde nicht auch dieser Beitrag dem Schema des Alarmjournalismus folgte, der sich mittlerweile fast täglich in öffentlich-rechtlichen und privaten Medien gleichermaßen besichtigen lässt: ein offensichtliches Gut-Böse-Schema, ein paar faktenarme Andeutungen und Unterstellungen, verrührt mit dem einen oder anderen Vorurteil und garniert mit Reizbegriffen – fertig ist der Cocktail, von dem auch bei schwacher Faktenlage schon irgendwas hängenbleiben wird.

Schaut man sich nämlich den gesamten Beitrag an, ist es gar nicht so einfach, für die schlimmen Vorwürfe auch hinreichende Belege zu finden. Thema der im medizinischen Fachjournal „The Lancet“ veröffentlichten Studie, auf die Spiegel Online sich bezieht, ist die Bedrohung durch sogenannte „nichtansteckende Krankheiten“ (wie z.B. Schlaganfall, Diabetes, Krebs- und Herzkrankheiten), die mit weltweit 34,5 Millionen Toten pro Jahr bereits “epidemische Ausmaße” erreicht hätten

Das alles durch sinistre Machenschaften der Lebensmittelindustrie, wie es der Titel suggeriert? Nicht wirklich, denn die Studie stellt fest, dass „diese Erkrankungen zum großen Teil einem ungesunden Lebensstil mit Tabak, Alkohol und wenig Bewegung geschuldet“ sind.

Aus Verschwörung wird Werbung

Aber es muss den Konzernen doch etwas anzuhängen sein? Genau – denn ein “Teil des Problems sei auch, dass in der westlichen Welt große Mengen energiereiches Essen und zuckerhaltige Getränke billig bereitstünden und dazu noch offensiv beworben würden.“

Hier schrumpelt die weltweite Verschwörung in Form einer „systematischen Untergrabung der Gesundheitspolitik“ auf das Angebot energiereicher Nahrung und Getränke zu niedrigen Preisen und das Bewerben von Produkten zusammen. Das kann man nun gut finden oder nicht – mit klammheimlicher Einflussnahme auf die Gesundheitspolitik hat es eher wenig zu tun

Ohne weitere Belege wird dann auch die Selbstverpflichtung, die viele Lebensmittelkonzerne eingegangen sind, pauschal als „sinnlos“ verworfen. Fakten? Keine. Stattdessen lediglich die flapsige Bemerkung eines der Autoren, eine Selbstverpflichtung sei doch so, „als würden Sie Einbrecher damit beauftragen, ein Türschloss einzubauen”. Der Vergleich mit Kriminellen scheint offenbar angebracht, denn – so werden die Mediziner weiter zitiert – die Lebensmittelkonzerne seien „Unternehmen, deren einziges [sic!] Interesse es ist, möglichst große Mengen ungesunder Produkte zu verkaufen“.

Gibt es möglicherweise auch Medien, deren einziges Interesse es ist, möglichst große Mengen vermeintlicher Skandalgeschichten zu verkaufen?

Vermuten statt wissen

Auf konkrete Nachweise von Fehlverhalten wartet der geneigte Leser jedenfalls weiter vergeblich. Halt, doch…. es liegen ja nicht näher benannte „interne Dokumente“ vor, die belegten, wie die Nahrungsmittelindustrie die öffentliche Gesundheitsvorsorge beeinflusst. Hier folgt das Totschlagargument, das in forschungsintensiven Branchen immer wieder herausgekramt wird: die Industrie lenke Forschungsergebnisse durch die Finanzierung von Studien. „Studien, die ausschließlich von Lebensmittelkonzernen bezahlt wurden, zeigen ‚The Lancet‘ zufolge vier bis acht Mal so häufig Ergebnisse, die im Interesse der Industrie sind, wie Studien, die aus anderen Quellen finanziert wurden“, heißt es.

Dem ließe sich entgegnen: Zum einen ist die Finanzierung aufwendiger Studien schwierig und ohne die Unterstützung der Industrie oder anderer Drittmittelgeber oft gar nicht möglich. Zum anderen wäre es dann auch interessant zu wissen, wer denn die übrigen Studien finanziert hat. Ich wage die Wette, dass Studien, die z.B. von Greenpeace oder Foodwatch bezahlt werden, in mindestens derselben Häufigkeit Ergebnisse zeigen, die im Interesse der Aktivisten sind

Bleibt der Vorwurf des Lobbyismus. Immer wieder, so der Artikel, wechselten Wissenschaftler direkt aus der Industrie in die Aufsichtsbehörde Efsa und umgekehrt, was man sicher kritisieren kann. Belege für eine konkrete Einflussnahme jedoch werden wieder nicht präsentiert, stattdessen immerhin eingeräumt: „Ob die Efsa-Forscher tatsächlich tendenziöse Stellungnahmen abgegeben haben oder Studien beeinflusst haben, ist […] nicht bewiesen.“ Nun muss man kein Freund des aggressiven Lobbyismus sein, um zumindest zur Kenntnis zu nehmen, dass auch medizinische Interessenverbände auf diesem Feld sehr aktiv sind und Lobbying für viele NGOs geradezu ihren Daseinszweck darstellt.

Medizin und Marketing

Abschließend kritisiert werden Marketingtaktiken, die sich nach Ansicht der medizinischen Experten die eine böse Branche (Lebensmittel) von der anderen bösen Branche (Tabak) abgeschaut hat: Um von Kritik abzulenken, „engagierten sich die Konzerne auf Feldern, die außerhalb ihrer Expertise liegen. So setzten sich Tabakkonzerne gegen Gewalt gegen Frauen ein, Softdrink-Hersteller propagierten Sport-Veranstaltungen.“ (Ich verkneife mir den Hinweis auf die Unterschiede zwischen Cause Marketing und Sport-Sponsorhips sowie die Fragwürdigkeit von Kommunikationsstrategien, die sich auf Felder „außerhalb der Expertise“ des Unternehmens konzentrieren).

Merkwürdigerweise folgt dann als Beispiel aus Deutschland die “Plattform Ernährung und Bewegung” (PEB), die “gemeinsam für einen gesunden Lebensstil von Kindern” wirbt – also doch haargenau zur Expertise der Lebensmittelindustrie passt? Ausgerechnet diese Initiative wird auch noch von vielen staatlichen Institutionen unterstützt, beispielsweise dem Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Wie da eine klandestine Einflussnahme auf die Gesetzgebung stattfinden soll, erschließt sich mir zumindest nicht sofort

Das macht aber nichts, denn es geht ja primär um die Skandalisierung, und die ist nicht so schwer, wenn sich „die Guten“ aufmachen, „die Bösen“ zur Strecke zu bringen. Da reicht dann oft schon das herzige Bauchgefühl derer, die auf der guten Seite stehen – etwa im Verweis auf die Altria Group, die früher einmal (ein aktuelles Beispiel ließ sich wohl nicht finden) „die Tabaksparte Philip Morris als auch das Lebensmittelgeschäft von Kraft Foods unter einem Dach gebündelt hatte.“ Bei so viel Nähe könnten doch, so die Mediziner, Parallelen zwischen Tabak-, Alkohol-, Softdrink- und Lebensmittelherstellern gar nicht überraschen.

 

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